Kulturmodell Bräugasse
Anmerkungen zur Vorgeschichte
(Beitrag vom 07.07.2011)

Kulturarbeit ist kein Geschäft wie jedes andere. Jeder, der in diesem Metier tätig ist, wird dies bestätigen. Hier gelten in vieler Hinsicht eigene Gesetze, sei es für die Festlegung von Zielen, sei es im Umgang miteinander, sei es in der Begegnung mit Menschen, die argwöhnisch auf alles achten, was nach "Kultur" aussieht, vor allem auf die Kosten, die dabei und dafür entstehen könnten und entstehen. (Dass es vom "Kulturbegriff" sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt, sei an dieser Stelle der Vollständigkeit halber erwähnt, sich darüber genauer auszulassen verbietet hier aber das konkrete Thema und der vorgegebene Umfang). Nein, Kulturarbeit ist kein Geschäft wie jedes andere! Und doch, um in der Sache etwas zu erreichen, bedarf es der selben Voraussetzungen wie in vielen anderen Bereichen des Lebens: Ein Ziel muss definiert sein, Möglichkeiten der Realisierung müssen geprüft werden, Entscheidungsträger müssen interessiert und von der Richtigkeit der Sache überzeugt werden, Freunde für das Projekt gewonnen, Skeptiker und Gegner durch schlüssige Argumente für die neue Sache offen gemacht werden. Partner sind notwendig, am besten Menschen, die selbst schon ähnliche Ziele verfolgen und selbst Partner suchen. Wenn dies alles gegeben ist, sind es vor allem noch zwei Dinge, die zum Erfolg eines Projekts fehlen: Optimismus und Glück - und Glück zeigt sich oft in Gestalt des Zufalls. Damit aber sind wir mitten in der Entstehungsgeschichte des Kulturmodells Bräugasse.


Die Idee

Ideell hat das Kulturmodell viele Väter. Zum Beispiel die Initiative "Theaterhaus", angeführt von engagierten Vertretern der Profi-Kleinkunst und ambitionierten Laien-Theaterszene, die zuerst auf die Mängel in diesem Bereich hinwiesen, und ein Haus für diesen Zweck von der Stadt forderten. Eine lebendige Rockszene benötigte ebenfalls dringend Proberäumen. Fast zeitgleich wurde der Ruf von Künstlern laut, die sich dem Bundesverband Bildender Künstler (BBK) angeschlossen hatten und sich ein Künstlerhaus Niederbayern wünschten.


Die Raummisere

Im Kulturamt der Stadt Passau wurde seit 1986 systematisch der Bestand an Räumen für kulturelle Zwecke erfasst, wurden Mängel festgestellt und formuliert. Der Nachholbedarf war groß. Vordringende Aufgaben waren die Sanierung des Theaters im Fürstbischöfllichen Opernhaus, jahrelang diskutiert und hinausgeschoben, die dann innerhalb weniger Jahre durchgeführt wurde. Ein neues Galeriegebäude wurde auf der Veste Oberhaus errichtet, die städtische Europabücherei wurde nach provisorischer Unterbringung und nie enden wollender Odyssee schließlich im ehemaligen Kinderkrankenhaus untergebracht, das vorher aber ebenfalls generalsaniert werden musste.

Ein großes Problem, die Unterbringung der Rock-Bands, wurde durch eigene Bemühungen der Musiker gelöst, die sich zum Rock-Förder-Verein zusammenschlossen und selbst ein Objekt an Land zogen. Durch einen erheblichen Mietzuschuss der Stadt konnte die "Tabakfabrik" angemietet und nach den notwendigen Umbau- und Ausstattungsmaßnahmen in Eigeninitiative bis heute für diesen Bereich genutzt werden.

Ein Dauerproblem war die Raumnot des "Stadtarchivs", das erst seit einigen Jahren eine umfangreiche organisatorische Neuorganisation durchmachte und räumlich aus allen Nähten platzte. Passau brauchte also ein neues Stadtarchiv. Eine auch finanziell schier unlösbare Aufgabe, wäre nicht der Zufall den Beteiligten zu Hilfe gekommen.

Kommen wir aber zurück zum geforderten Künstler- bzw. Theaterprobenhaus, und die Versuche, ein geeignetes Gebäude für deren Realisierung zu finden.

Versuch 1: Winterhafengelände

Ein Jugendstilsilogebäude und eine ehemalige Fliegerhalle wurden besichtigt. Lage: traumhaft, Raumangebot: einmalig. Auskunft der Baufachleute: Sanierung in großem Maßstab unumgänglich; Auskunft der Finanzleute: nicht finanzierbar!

Nachwehen: Die Stadt verhandelt bis heute mit der Hafenverwaltung des Freistaats Bayern um den Erwerb des Geländes (für inzwischen andere Zwecke). Das Silogebäude, als letztes Zeugnis des einstigen bedeutenden Frachthafens in Passau, wurde - mit Zustimmung der staatlichen Denkmalbehörde und des Passauer Stadtrates 1995 abgerissen. "Kulturstaat" Bayern bzw. "Kulturstadt" Passau?

Versuche 2,3, etc.

Nach dem gescheiterten Projekt Winterhafen Besichtigung vieler der Stadt- bzw. den "Theaterleuten" angebotenen Gebäude. Ergebnis: ungeeignet oder meistens unfinanzierbar. Natürlich die leisen, oft auch lauten Vorwürfe an das Kulturamt: Halbherzigkeit, kein echtes Interesse, kein Wille zur Realisierung. Aber das ist halt so in unserem Kulturgeschäft (und nicht nur in dem).

Die glücklichen Zufälle

Kutlutrmodell frontal quer kleinKommen wir zurück zum Zufall, der die Sache wieder ins Rollen brachte. Das Haus Bräugasse 9 stand zum Verkauf. Ehemals historisches Brauereigebäude, dann Bonbonfabrik, Schülerheim, Möbellager etc, etc. im Sanierungsbereich. Besichtigt unter dem Nutzungsaspekt "Stadtarchiv". Nach der ersten Besichtigung waren wir überzeugt, dieses Haus muss zum Stadtarchiv werden, eine provisorische Unterbringung in Teilen war vorstellbar, ebenso eine Generalsanierung zu einem späteren Zeitpunkt. Hier gäbe es noch vieles zu sagen. Auf jeden Fall war das Ergebnis: Das Gebäude wurde von der Stadt erworben. Dann noch einmal ein glücklicher Zufall: Die erwogene Teilauslagerung des Archivs war nicht mehr notwendig, nachdem im Rathaus Räume für diese Nutzung bereitgestellt werden konnten.

Entscheidung: Erst nach dem notwendigen Umbau Umzug des gesamten Archivs in die Bräugasse. Dieser aber war - schon nach der damaligen Finanzlage - keinesfalls vor fünf Jahren durchzuführen.


Und was nun?

Hausbesichtigung, Studium der Pläne, der Größe und Beschaffenheit der Räume, Nachdenken über Gespräche mit bildenden Künstlern, Theaterleuten, Musikern, Kulturleuten - und dann die Entscheidung:


Ein Künstlerhaus für Passau!

Ein Grobkonzept wurde entworfen: Künstlerselbstverwaltung, Künstlerwerkstätten, Übernachtungsmöglichkeiten für den Künstleraustausch, Probebühne, Proberäume, Ausstellung und Veranstaltungsraum, vor allem aber: Freiraum für Kreativität; Dinge ausprobieren; keine Angst vor Pannen haben; alles mit geringst möglichen finanziellen und personellen Mitteln vorbereiten und später betreiben; offen sein für Kritik, für Anregungen, für Veränderungen.

Die meisten Künstler nahmen dieses Konzept positiv auf. Der BBK - konkret sein unermüdlicher Vorsitzender Hubert Huber - bot seine engagierte Unterstützung an (und brachte sie ohne Abstriche ein). Auch andere Kulturschaffende standen mit Rat und Tat zur Seite (andere freilich lehnten es von Anfang an ab).


Der Stadtrat

Ausschlaggebend aber war die Entscheidung der Politik, des Stadtrates. Nach schier endloser Diskussion im Kulturausschuss überwiegend Zustimmung: Vorab für maximal fünf Jahre steht das Gebäude Bräugasse 9 als "Künstlerhaus" zur Verfügung. Auch die nötigen Umbau- und Betriebsmittel wurden später bereitgestellt. Dies alles allerdings nur unter der Prämisse: Versuch - Modell. Übrigens, der Name "Kulturmodell" fiel mir bei der Erarbeitung der Beschlussvorlage für den Kulturausschuss ein: "Kulturmodell Bräugasse"! Meine Kollegen hielten ihn für gut, und so haben wir uns für diesen Arbeitstitel entschieden. Heute ist er fast schon ein Markenzeichen, und das freut uns! Die weitere Geschichte ist den meisten bekannt. Allein die vorliegende Veranstaltungsliste spricht Bände. Auch die anfängliche Skepsis bei so manchem Kommunalpolitiker ist inzwischen einer allgemeinen Zustimmung gewichen. Und sind wir doch ehrlich: Ist es nicht schön, mit so einer positiven Sache wie dem Kulturmodell Bräugasse Wahlkampf zu machen?


Das Kultusministerium

Unbedingt erwähnt werden muss die Förderung durch das Bayerische Kulturministerium: 100.000,00 DM wurden in zwei Raten für die Einrichtung einer Litho-, Radier- und PC-Werkstatt zur Verfügung gestellt. Alle Hochachtung! Hier hat sich der Freistaat wirklich als "Kulturstaat" präsentiert


Und wie geht es weiter?

Noch eine Frage ist zu beantworten: Wie geht es weiter? Die fünf Jahre sind um und anstatt über Nachfolgelösungen und Auszug nachzudenken, feiern wir.

Nun: Die Archivfrage ist - nicht zuletzt durch die Hartnäckigkeit und schier unerschöpfliche Kreativität des Stadtarchivars - auf andere Weise und kostengünstiger für Jahrzehnte gelöst. Eine andere Nutzung für die Bräugasse steht derzeit nicht zur Diskussion und wird nach der breiten Akzeptanz dieser Einrichtung bei Künstlern und kunstinteressierten Bürgern in absehbarer Zeit wohl auch nicht zur Diskussion stehen. Die geringen jährlichen Betriebskosten wird auch ein Sparhaushalt noch verkraften können. Und Menschen, die sich für ihre Mitbürger engagieren, gibt es zum Glück auch in Passau - und auch im Kulturmodell. Kulturmodell Logo

Es kann also weitergehen im "Kulturmodell" Bräugasse. Nein, es muss weitergehen. Denn wir brauchen diese Einrichtung für Menschen, die kreativ sind und es sein wollen. Für Künstler aus aller Welt, die hier arbeiten wollen - und für alle Menschen, die sich hier begegnen wollen.



Dr. Max Brunner - Kulturreferent der Stadt Passau






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